Das Leben als Privatier

Das neue Jahr beginnt hervorragend: Bürokratische Behörden und betrügerische Kunden vermiesen einem das Leben. Einfach alles hinschmeißen und als Privatier leben? Da kommen sofort die Mahner, die sagen: Geld macht nicht glücklich, der Mensch braucht eine sinnvolle Beschäftigung, blablub.

Um es kurz zu machen: Mir war in meinem Leben noch nie langweilig – ausgenommen, wenn ich irgendwo in einem Wartezimmer auf einen Termin warten musste, der natürlich nicht zur vereinbarten Zeit stattfindet. Aber wenn ich es selbst in der Hand habe, dann finde ich immer eine Beschäftigung. Deshalb macht mir diese Warnung keine Sorgen.

Zuwenig Geld zu haben wohl auch nicht. Statussymbole brauche ich nicht, Konsumorgien sind für mich auch nur anstrengend und funktionierende Dinge wegzuwerfen bereitet mir Unbehagen. Gottseidank sorgt die Industrie mit immer geringerer Qualität dafür, dass die Sachen immer schneller kaputt werden und ich deshalb nicht so ein Unbehagen haben muss – Danke, geplante Obszoleszenz! (Das ist übrigens unabhängig davon ob man im Billig- oder Premiumsegment einkauft, leider.)

Ein Privatier hat aber auch Verantwortung – nämlich für seine Finanzen. Die zugehörigen Entscheidungen sollte man nicht der Bank überlassen, man lässt sich ja auch nicht eine Ehefrau vom Psychologen vermitteln. Das Wichtigste: Spesen und laufende Kosten niedrig halten. Geringe Depotgebühren, ETFs, steuerliche Optimierung über Gesellschaftskonstruktionen, Wahl des Wohnsitzlandes, etc. Das ist alles zu überlegen. Man sollte schon vorher damit anfangen, damit man etwas übt, bevor die Privatier-Phase ernst wird. Ich übe jetzt schon lange und trotzdem kann ich immer noch besser werden.

Der Weg zum Privatier führt im Regelfall über die Selbständigkeit. Direkt von einem Angestelltenverhältnis zu wechseln, erscheint mir eine zu große Veränderung. Als selbständiger Unternehmer bist du für viele, viele Dinge verantwortlich – es redet dir keiner rein, es erinnert dich auch keiner oder leitet dich an. Ein hervorragendes Training für ein selbstorganisiertes Leben. Denn ein Privatier ist auch ein Unternehmer, nur eben ohne Kunden bzw. ist er sein einziger Kunde, was im Anbetracht der letzten Kunden für mich eine Wohltat darstellt.

Als kinderloser, unverheirateter Mann braucht es nicht viel. Als Anregung kann man mal diverse Reiseblogs lesen von Menschen die seit Jahren unterwegs sind. Dann bekommt man ein Gefühl, was man so in verschiedenen Teilen der Welt mittelfrist benötigt. Ich denke, dass man mit 1500 EUR ganz gut durchkommt, mit 2000 lebt es sich schon nett. Vorausgesetzt, man hat schon eine Immobilie oder lebt sonst irgendwie ohne Mietkosten.

Bei den ganzen Schuldnerberatungen im Fernsehen wird immer bei den variablen Kosten angesetzt, in meinen Augen ist das falsch: Die Fixkosten, die jedes Monat anfangen zwingen einen zur regelmäßigen Arbeit. Ein teurer Handyvertrag, nur weil es das 0 Euro Samsung Galaxy Edge oder iPhone sein muss? Schade ums Geld.

Ich könnte mir problemlos eine neue S-Klasse hinstellen. Das würde Erinnerungen wecken, da ich schon mal eine alte S-Klasse besaß und der Fahrkomfort überragend ist. Aber 100.000 EUR einfach so ausgeben. Sinnvoll angelegt, Inflation berücksichtigt, aber auch Kapitalverzehr bis zum statistischen Lebensende kalkulierend, komme ich da auf ca. 300 EUR pro Monat an Ausschüttung. Ich habe also die Wahl: Jetzt eine S-Klasse kaufen (Unterhaltskosten nicht berücksichtigt), die in 10 Jahren vielleicht noch 10% wert ist oder bis zum Ende meines Lebens 300 Euro bekommen – also ca. 15-20% meines monatlichen Bedarfs? Nur weil ich einmal ein Auto haben wollte? Meine Persönlichkeitsstruktur is so, dass ich mich an Dingen nicht langfristig erfreuen kann und die Abwechslung brauche. Also lasse ich das mit der S-Klasse.

Ich würde aber gerne mehr von der Welt sehen, nicht als blöder Tourist, sondern mal einige Wochen hier oder da wohnen, mich in die dortige Lebensweise einfügen – das Ziel: Mein ideales „Alters-„domizil zu finden. Schneeschaufeln ausgeschlossen, das weiß ich jetzt schon aufgrund traumatischer Kindheitserfahrungen.

Eine Frau hat da voraussichtlich kaum Raum: Denn Frauen wollen das Sichere, den Nestbau, die Vermehrung – diametral entgegengesetzt zu meinen restlichen Jahrzehnten. Ich mag Natur, ich mag Reisen, ich mag die neuen Erfahrungen und bin von jeder Art von Kinderlauten schnellsten genervt. Wenn Menschen von Ihren Wünschen, Träumen und Vorlieben nicht zusammenpassen, dann ist es eben so – ich scheide damit aus dem Genpool der Evolution aus. Auch egal.

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23 Gedanken zu “Das Leben als Privatier

  1. Bin ja selbst seit ca. 10 Jahren Privatier. Gegen Langeweile kann man immer was tun, vor allem sich von Leuten fernhalten, denen immer langweilig ist – das ist ein Zeichen eines sehr niedrigen IQ.
    Kleiner Hinweis fuer Anleger (ohne Pistole):
    https://www.bloomberg.com/quote/ALZAH2E:LX
    Frontload kann man ab einem gewissen Vermoegen mit der richtigen Bank mindestens halbieren. Besonders befriedigend ist, dass man durch die meist linkslastigen Kunden von Apple, Google, Amazon, Facebook, Starbucks usw. froehliche >8% Rendite bezahlt bekommt.
    Wer sein „fuck you money“ erst mal zusammen hat, erwirbt damit auch einen ganz anderen Blick auf die Welt.

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    1. Zu deinem letzten Absatz: Ja, wenn von niemandem abhängig ist und sich die Unterschichten-Konsumententräume jederzeit vollständig erfüllen könnte. dann hat das alles keinen Reiz mehr.
      Du lebst ja auch nicht mehr in Westeuropa richtig?

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      1. Mein Problem damit ist das Klima, ich vertrage Luftfeuchtigkeit sehr schlecht. Wie ist deine Erfahrung damit oder gibt es dort Gegenden, wo es nicht so heiß-schwül ist? (Hitze macht mir nichts, aber wenn die Luftfeuchtigkeit dazukommt…)

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      2. Ja klar, aber ich hätte halt gerne ein Domizil, wo ich auch rausgehen kann, ohne nach 5 Minuten durchgeschwitzt zu sein – ich schwitze trotz mangelnder Körperfülle leicht, vor allem am Rücken und klebrige Hemden und Shirts sind bäh…

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  2. Der Blog-Eintrag hätte von mir sein können.

    Ich bin zwar Angestellter, aber verdiene recht gut und kann somit als Single ohne Kinder monatlich eine hübsche Summe in ausgewählte Aktien investieren. Ich sehe das genauso wie du: Ich könnte mir zwar schon das ein oder andere leisten, aber ich sehe keinen Sinn darin. Die Infrastruktur meines Wohnortes ist super, deshalb benötige ich auch keinen fahrbaren Untersatz. Es ist ein tolles Gefühl, monatlich in Aktien zu investieren und zu sehen, dass es stetig vorwärts geht. Wie sich die Börsen entwickeln werden, weiß man natürlich nicht, aber ich habe ja auch einen langen Anlagehorizont und bin auf das investierte Geld auch überhaupt nicht angewiesen.

    Ich bin jetzt Anfang 30, aber mein Ziel ist es, irgendwann in meinen 40ern selbst entscheiden zu können, ob ich weiterarbeiten möchte oder nicht. Bis dahin bin ich natürlich ein Lohnsklave in meinem Beruf (also von ihm abhängig), aber da mir mein Beruf großen Spaß macht, fühlt es sich oftmals gar nicht wie Arbeit an! (Was bin ich froh, dass ich das schon vor meiner Studienzeit erkannt habe, und meinen eigenen Interessen gefolgt bin).

    Die Summen, die von dir genannt wurden, kann ich unterschreiben. Mit 1500 – 2000 Euro sollte es sich in den meisten Ländern gut leben, exklusive der Mietkosten, natürlich.

    In Europa gefallen mir Spanien (Valencia, Barcelona, Madrid – dem Hochsommer in Madrid würde ich entfliehen) oder Portugal (Lissabon, Algarve), aber auch Österreich (Wien, Salzburg), richtig gut. Ein superheißes Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit würde meinen Körper wohl auch sehr beanspruchen, deshalb scheiden einige Länder in Südostasien als dauerhafte Residenz aus.

    Außerhalb von Europa gefällt mir Kolumbien (Medellin, Bogota) richtig gut. Medellin ist die ewige Stadt des Frühlings und sagt mir klimatisch total zu. Ich spreche fließend Spanisch, deshalb wäre die Kommunikation auch kein Hindernis.

    Ich reise in meinen Ferien sehr gerne und finde es aufregend, neue Länder zu bereisen und nach weiteren potenziellen Domizilen Ausschau zu halten. Du hast aber recht, es reicht eigentlich nicht, ein Land nur als „Tourist“ kennenzulernen.

    Während meines Erasmus-Jahres verbrachte ich ein Semester in Spanien und weiß deshalb, dass dieses Land für mich definitiv in Frage kommt.

    Das größte Problem eines Privatiers besteht aber wohl darin, dass viele Menschen nicht wissen, wie sie mit der plötzlichen neugewonnenen Freiheit umgehen sollen! Vor allem wenn sie aus dem Angestelltenverhältnis in ihre Freiheit entlassen werden!

    Viele Menschen lieben es insgeheim, Sklave des Systems zu sein (Beruf, Ehefrau, etc.). Sie brauchen jemandem, der ihnen sagt, was sie zu tun haben. Vielleicht haben sie sogar recht, es ist viel einfacher, als ein selbstbestimmtes Leben zu führen!

    Aber ich liebe Herausforderungen und freue mich schon darauf! Bring it on!

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  3. ich bin Mitte 50 und habe einiges an Rücklagen und plane ab 2018 ein Leben als Privatier. Mit Mitte 60 würde ich dann auch Pension bekommen und mit meinen Rücklagen würde ich bis dahin auskommen. Gesamt brauche ich in etwas 1.000 bsi 1.500 EUR pro Monat. Wer hat damit schon Erfahrung?

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    1. Der Betrag ist sicher an der unteren Grenze, was man benötigt, um als alleinstehender Mann komfortabel leben zu können. Die größte Frage ist die nach den Wohnkosten, wenn da nicht viel anfällt, kann es sich schon ausgehen – bzw. im Ausland natürlich noch viel leuchter mit niedrigen Lebenshaltungskosten. Da müsstest du genauer schreiben, wie und vor allem wo du dir dein Leben als Privatier vorstellst. In vielen Ländern kann man als Privatier aus dem Sozialsystem aussteigen und zB bei CIGNA eine weltweite günstige Krankenversicherung (mit Selbstbehalt, es geht darum, große Risiken abzudecken, nicht kleine Wehwehchen) abzuschließen.

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  4. was meint ihr mit Mitte 50 und abbezahlten Eigenheim, also wenig Fixkosten und einer halben Million Rücklagen, da kann man sich schon das Leben als Privatier trauen oder und die Arbeit beeneden

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    1. Hi Josef,
      zur Klärung der Frage, muss man noch mehr berücksichtigen:
      – Wird es eine staatliche Pension geben, also noch künftige Einnahmen ab zB 65 Jahren? (Man sollte sich nicht drauf verlassen, aber berücksichtigen sollte man es)
      – Die Rücklagen müssen einigermaßen sicher und trotzdem ertragreich angelegt sein, da braucht man idealerweise Erfahrung und/oder einen Experten, dem man vertrauen kann (letzteres ist schwieriiger)

      Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen: Das wertvollste ist qualitativ hochwertige Lebenszeit und die ist umso einfacher zu genießen, je jünger man ist. So als Ferndiagnose würde ich sagen: Scheiß‘ auf alles, steig aus!

      Gerne helfe ich dir auch per E-Mail weiter: mgtowdeutsch@gmail.com – man muss ja nicht alles im Internet ausbreiten 🙂

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      1. ja bekomme dann noch cca. EUR 2000 staatliche Pension. Rücklagen sind zwar sicher angelegt, allerdings dadurch mit minimaler Verzinsung.krankenversichern würde ich mich selber, ich glaube das sind so cca. EUR 500 pro Monat. Hab sonst keinen teuren Lebensstil, mir geht es darum ich will nicht mehr machen, was ich nicht möchte und meine dabei den Job.

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  5. Hallo Josef,
    mein Ratschlag: Hör auf! Es macht dir keine Freude (mehr), du bist absolut auf der sicheren Seite. Die Krankenversicherung ist natürlich ein heftiger Posten, abhängig von deinem Wohnsitzland gibt es da durchaus praktikable Möglichkeiten das zu reduzieren. Bin selbst auf 150 EUR herunter bei hervorragender Versorgung (leider musste ich das schon in Anspruch nehmen). Bei deinen Rücklagen solltest du was machen, denn du hast noch zumindest 25 Jahre vor dir. Die Sparkasse um’s Eck ist dabei definitiv nicht der richtige Ansprechpartner, die verkaufen dir nur eine sinnlose Lebensversicherung.
    Die Frage ist, ob du auch bereit bist, von den internationalen, legalen Möglichkeiten Gebrauch zu machen, um deinen Lebensstandard zu erhöhen.
    Auf alle Fälle solltest du dir überlegen, was du dann mit der vielen schönen Freizeit anfangen willst und wie die Rahmenbedingungen dafür aussehen. Das ist viel wichtiger als das Geld, da bist du auf der sicheren Seite. Es gibt auch Möglichkeiten, sein Haus zu verpfänden für die Zeit nach dem Tod, d.h. du kannst den Wert des Hauses auch zu Lebzeiten aufbrauchen.
    Erfahrungsgemäß kann man 4-5% derzeit ohne großes Risiko bei mittelfristigem Horizont erwirtschaften, das wären bei den 500k schon mal zumindest 20k im Jahr und das Kapital kannst du auch aufbrauchen. Schätzungsweise mit deiner Pension kannst du also einen Lebensstandard von ca. 3000 EUR im Monat problemlos durchfinanzieren.
    Wenn du keinen Job mehr hast, gibt es durchaus die Möglichkeit ein de facto steuerfreies Leben zu finanzieren, wenn du bereit bist andere Länder als deinen Wohnsitz zu akzeptieren und da reden wir nicht von Entwicklungsländern.
    Wenn das für dich interessant klingt, schick mir ein e-Mail an mgtowdeutsch@gmail.com, nur für alle zur Info: Das kostet nichts, ich verkaufe hier nichts.
    Josef, das wichtigste in deiner Situation ist es jetzt, Informationen zu sammeln und auf Basis dieser Informationen dann zu entscheiden, was DU(!!) möchtest. Das Geld ist bei deinem Background wie geschrieben gar kein Problem.

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    1. Danke für Deine Zeilen.
      Eigenheim verpfänden würde allerdings bei mir nicht in Frage kommen.
      Auch nicht in ein anderes Land ziehen.
      Will einfach die letzten Jahre geniessen vor dem offiziellen Ruhestand und mich nicht ständig antreiben lassen, zum Teil von so tollen Jungmanagern.
      Schulden hab ich auch keine , also warum sollte ich mich quälen lassen.
      Noch dazu wo ich dann ja auch noch die staatliche Pension zu erwarten habe.

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  6. Ja, mach das einfach! Nimm z.B. 50.000 EUR und versuche selbst defensiv ein paar Jahre in einem Depot zu investieren. Wenn du dann genug Erfahrung hast (Jahre!!) kannst du ja mehr machen. Vertraue nur nicht den Banken, die haben immer ein Eigeninteresse.

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